Wie wir arbeiten

Wie wir arbeiten

Uns ist klar, dass Pflanzenzüchtung manchmal ein ziemlich sperriges, oft sehr technisches Thema ist. Deshalb möchten wir euch hier einen kleinen Überblick geben, welche Schritte eine Gemüseart oder Sorte bei uns durchlaufen. Außerdem möchten wir ein paar Begriffe definieren und erklären, was diese Begriffe für uns in unserem Kontext bedeuten. 


Es gibt sehr viele Möglichkeiten und Methoden Pflanzenzüchtung zu betreiben. Wir vom Verein Samenkorn setzen auf biologische Züchtung.

Bioligische Züchtung

Biologische Züchtung unterscheidet sich von konventioneller Züchtung vor allem in ihrem Zuchtziel: Biologische Sorten werden durch biologische Züchtung für den Bio-Anbau entwickelt. 

Bio-Betriebe sind auf Sorten angewiesen, die gute und verlässliche Ergebnisse liefern und das ganz ohne Kunstdünger, ohne Pestizide, ohne Herbizide, ohne Fungizide und oft mit einem deutlich geringeren Nährstoffangebot, als im konventionellen Anbau. 

Konventionelle Sorten können das nicht bieten, weil sie schlicht und ergreifend nicht dafür gemacht wurden. Sie setzen ein anderes Anbausystem voraus, das in der Bio-Landwirtschaft nicht umsetzbar ist. 

Ein weiterer Unterschied liegt darin, wo diese Bio-Sorten entstehen: nämlich dort, wo sie später auch angebaut werden. Am Acker oder im Folientunnel. Sie müssen also von Anfang an robust gegen Schädlinge und Krankheiten sein, um zu bestehen. Auch dafür sind konventionelle, zum Teil im Labor gezüchtete, Sorten nicht gemacht. 

Ein weiteres Ziel der biologischen Pflanzenzüchtung ist es, samenfeste Sorten zu erzeugen. Das bedeutet, Bio-Sorten sollen vermehrbar sein und ihre Nachkommen sollen der Mutterpflanze in Aussehen und Eigenschaften möglichst ähnlich oder gleich sein.

Außerdem gibt es verschiedene Ansätze und Konzepte, was man mit seiner Pflanzenzüchtung erreichen will. Oft hört man zum Beispiel von der Erhaltungszüchtung bei alten Sorten.

Züchtung vs. Erhalutng

Bei der Erhaltungszüchtung werden, wie bei der Züchtung generell, Pflanzen in einem größeren Bestand angebaut, es werden Vermehrungspflanzen ausgesucht und aus diesen Saatgut gewonnen. Der Unterschied liegt in den Kriterien, nach denen die Mutterpflanzen ausgesucht werden: Das Ziel ist es, Pflanzen zu finden, die dem Sortenbild in Aussehen und Eigenschaften gleichen oder möglichst ähnlich sind. Oft handelt es sich dabei um alte Sorten, die vor Jahrzehnten entstanden sind. Es wird also nicht versucht, die Sorte in irgendeiner Art zu verändern oder zu verbessern. Die Sorte soll genauso bleiben, wie sie ist. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Erhaltungszüchtung wird vor allem von Erhaltungsorganisationen wie der Arche Noah betrieben. 

Unser Ziel ist es, Sorten, die uns in gewissen Merkmalen überzeugen, weiterzuentwickeln, an den Standort anzupassen und somit für die Region zu verbessern. Das können Sorten sein, die besonders gut schmecken, die schon aus der Region kommen, oder die eine gewisse Robustheit aufweisen. Um unser Ziel zu erreichen, führen wir auch Kreuzungen durch, wo die Merkmale von zwei oder mehreren Sorten miteinander kombiniert werden. 

Auch bei der Selektion der Vermehrungspflanzen beurteilen wir nach anderen Kriterien. Das ursprüngliche Sortenbild ist für uns eher nachrangig. Wichtig sind uns Robustheit, Gesundheit, Wüchsigkeit und vor allem Geschmack.

Um biologische Züchtung betreiben zu können, gibt es eine Voraussetzung, die die Sorten mit denen wir arbeiten erfüllen müssen. Sie müssen Samenfest sein.

Samenfest

Samenfest oder Sortenfest sind Pflanzen dann, wenn sie mit gleichbleibendem Sortenbild weiter vermehrt werden können. Das bedeutet, die Nachkommen weisen ähnliche oder gleiche Merkmale und Eigenschaften auf, wie die Mutterpflanze. Außerdem sind sie in der Lage, selbst Samen zu bilden. 

Hybrid-Pflanzen, die aktuell in der Bio-Landwirtschaft zugelassen sind, können zwar auch weiter vermehrt werden, jedoch wird sich das Sortenbild deutlich von dem der Mutterpflanze unterscheiden. Sie werden also anders aussehen oder Unterschiede in anderen Eigenschaften aufweisen, wie zum Beispiel im Geschmack, im Wuchs, in der Robustheit etc. 

Dieser Typ von Hybrid-Pflanzen kommt auch in der Natur vor oder könnte im eigenen Garten hergestellt werden. Hybride bieten den sogenannten Heterosis-Effekt, der oft zu besserem Wuchs oder Ertrag führt, für den sich der Einsatz von Hybriden bei bestimmten Kulturen im Anbau lohnen kann. 

Es gibt aber auch andere Typen von Hybrid-Pflanzen, die sich nicht generativ weiter vermehren lassen oder die auch überhaupt keine Samen bilden. 

Wir verstehen Saatgut als Gemeingut. Sorten werden erhalten und verbessert, indem sie angebaut werden. Nur so können sie sich an einen Standort anpassen und neue Eigenschaften entwickeln. Aus diesem Grund arbeiten wir im Verein Samenkorn ausschließlich an samenfesten Sorten.

Um unsere Ziele zu erreichen, reicht es oft nicht aus, einfach eine Sorte auszusuchen, und diese dann wieder und wieder anzubauen. Manchmal müssen wir einen Schritt weiter gehen:

Kreuzungen

Wir beschränken uns in unserer Arbeit nicht nur auf bereits existierende Sorten. Wir bauen bei fast jeder Kulture einige verschiedene Sorten an, denn jede Sorte hat ihre Vorteile und Nachteile. Manchmal überzeugt uns besonders der Geschmack einer Sorte, manchmal ihre Robustheit, manchmal finden wir eine Sorte einfach wahnsinnig hübsch. Und manchmal, da würden wir uns wünschen, dass wir Merkmale von verschiedenen Sorten kombinieren könnten. Das gelingt mittels Kreuzungen. 

Je nach Kultur gibt es dafür unterschiedliche Techniken. Manchmal reicht es schon aus, zwei Sorten gleichzeitig blühen zu lassen. Bei anderen Kulturen müssen wir selbst Hand anlegen und den Pollen von einer Sorte aktiv auf die Blüte der anderen Sorte übertragen. 

So lassen sich die Gene von zwei (oder mehreren) Sorten kombinieren. 

Die Samen, die diese gekreuzten Pflanzen bilden, beinhalten schon Teile der Gene von beiden Sorten. Diese Samen werden dann in der nächsten Saison angebaut und vermehrt. Ab der zweiten Saison startet dann die Suche nach den Merkmalen, die wir uns so wünschen.

Bevor wir uns auf eine neue Kultur oder Sorte stürzen, überlegen wir zunächst, was wir eigentlich von dieser Kultur oder Sorte wollen. Ohne konkrete Ziele gibt es ja schließlich auch keinen Erfolg. Diese Ziele fließen dann in unsere Selektionskriterien ein.

Selektionskriterien

Die Selektion beschreibt den Auswahlprozess, indem jede Pflanze im Vermehrungsbestand einzeln beurteilt wird und schlussendlich entschieden wird, ob wir diese Pflanze weiter vermehren oder ob wir sie aus der Züchtung ausscheiden. Der Beurteilungsprozess heißt Bonitur und wird mehrmals pro Saison durchgeführt. Dabei vergeben wir Noten für bestimmte Merkmale. Diese Merkmale sind unsere Selektionskriterien. Eine Pflanze, die bei allen Selektionskriterien höchste Noten erzielt, wäre unsere Wunschpflanze. 

Dabei können die Selektionskriterien je nach Kultur ganz unterschiedlich aussehen. Kriterien, die uns bei allen Kulturen wichtig sind, sind Merkmale wie zum Beispiel Geschmack, Pflanzengesundheit oder gute Wüchsigkeit. Speziellere Kriterien wären etwa die Knackigkeit bei Zuckererbsen, bei den Bohnen die Dauer bis eine Fisole faserig wird oder eine Resistenz gegenüber Kraut-und Braunfäule bei den Paradeisern im Freien. 

Nur von den Pflanzen, die eine Mindestnote pro Selektionskriterium überschreiten, nehmen wir dann schlussendlich Saatgut. Dieses Saatgut bauen wir dann in der nächsten Saison wieder an und der Selektionsprozess startet erneut, bis wir eine stabile Sorte haben, die unseren Vorstellungen entspricht.

Ein Teil der biologischen Pflanzenzüchtung, wie wir sie verstehen, bilden regelmäßige Verkostungen.

Verkostungen

Bei allen Kulturen und Sorten, die wir anbauen, hat ein Merkmal einen besonderen Stellenwert: der Geschmack. Wir haben kein Interesse an Hochleistungssorten, die zwar jede Menge Ertrag liefern, aber nach nichts schmecken. 

Ja, wir wollen klimafitte, an den Standort angepasste Sorten, aber wir wollen eben auch Sorten, die wirklich gut schmecken. Um dafür zu sorgen, führen wir bei unseren Vermehrungskulturen zumindest einmal pro Saison Verkostungen durch. Je nach Kultur werden dabei Sorten, aber auch einzelne Pflanzen verkostet. Dafür gibt es immer einige Tage vor der Verkostung einen Erntestopp. Am Tag der Verkostung werden die genussreifen Früchte oder Pflanzen geerntet und sorgfältig nach Sorte oder Zuchtlinie getrennt. Danach wird das Gemüse zur Verkostung vorbereitet und es werden Codes vergeben, um möglichst objektiv verkosten zu können. Denn klar ist die Zuchtlinie die beste, an der man selber gerade arbeitet. 

Die einzelnen Proben werden nach bestimmten Kriterien beurteilt, wie zum Beispiel Süße, Säure, Aroma, Bissfestigkeit, Faser und Beliebtheit. Das Ergebnis der Verkostung wird dann ausgewertet, besprochen und fließt schlussendlich in die Auswahl unserer Zuchtpflanzen ein.